Warum die SPD ihre Online-Wahl der Parteivorsitzenden sofort abbrechen sollte

Seit heute stimmen die Mitglieder der SPD über ihre nächsten Parteivorsitzenden ab – und zwar erstmals auch online über eine Webseite. Die Entscheidung für E-Voting kann aber nur als grob fahrlässig bezeichnet werden.

Wer SPD-Mitglied ist und mit abstimmen möchte, muss sich entscheiden: Klassische Briefwahl oder die Teilnahme am E-Voting. Nach Angaben der Parteizeitung „Vorwärts“ haben sich etwa 180.000 der insgesamt 426.000 SPD-Mitglieder für die Online-Variante registrieren lassen. Damit ist diese Wahl zum SPD-Vorsitz rund 10 Jahre nach den Liquid-Feedback-Experimenten der Piratenpartei die erste wirklich große Online-Abstimmung im politischen Bereich in Deutschland. Was nach Fortschritt und Innovation klingt, könnte der Partei aber noch auf die Füße fallen. Aber der Reihe nach:

Zur Abwicklung der Online-Abstimmung hat sich die SPD ein System des spanischen E-Voting-Anbieters Scytl eingekauft, das bereits in mehreren Ländern eingesetzt wird oder in Zukunft eingesetzt werden soll, zum Beispiel in der Schweiz. Allerdings wurde im Frühjahr bekannt, dass gleich mehrere Forscherteams unabhängig voneinander Sicherheitslücken im System gefunden haben, die dazu genutzt werden können, das Wahlergebnis unbemerkt zu verfälschen. Als Konsequenz beschloss der Schweizer Bundesrat, das Projekt zu stoppen und E-Voting bis auf weiteres in der Schweiz nicht zuzulassen.

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Digitalisierung geht unter die Haut – Perspektiven eines Cyborgs

Die Medizintechnik stellt immer ausgefeiltere Implantate und Prothesen bereit, die Körperfunktionen ersetzen und sogar erweitern. Doch bleibt es nicht nur beim medizinischen Einsatz: Bodyhacker experimentieren mit implantierbaren NFC-Chips und Elon Musk denkt laut über Gehirnschnittstellen nach. Erleben wir eine Cyborgisierung der Gesellschaft? Was ist technisch möglich und was wird Science-Fiction bleiben? Und welche ethischen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen zieht das nach sich?

Fürst R. (Hrsg.): Gestaltung und Management der digitalen Transformation. AKAD University Edition. Springer, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24492-7

Face-App: Das Datenschutz-Problem sitzt tiefer

Vergangene Woche zerfiel meine Twitter-Timeline in zwei Lager. Die einen posteten fröhlich Fotos von sich, die sie mit Face-App erstellt hatten – einer App, die Menschen 30 Jahre älter (oder jünger) aussehen lässt. Die anderen warnten vor dieser App: Es handele sich um ein unübersichtliches Datenschutzrisiko, schließlich würde der russische Anbieter nach und nach eine Datenbank mit Tausenden, vielleicht Millionen von Gesichtern auf seinen Servern ansammeln.

Schnell entpuppte sich die Aufregung als Fehlalarm. Zwar fehlten durchaus die Datenschutzhinweise, die für eine legale Verbreitung der App in der EU gemäß der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nötig wären. Und der Zugriff auf sämtliche Fotos auf dem Smartphone der Nutzerinnen, den die App anfordert, wäre so nicht nötig, aber im Großen und Ganzen tut die App nichts anderes, als es zahllose ähnlich verspielte Foto-Apps auch machen.

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Die Zukunft des Zahlens

Die Meldung erregte einiges an Aufmerksamkeit, schließlich ist es schon etwas besonderes, wenn ausgerechnet der wegen seines Umgangs mit Kundendaten verschriene Zuckerberg-Konzern eine neue Währung in die Welt setzen will. Sofort begannen die Spekulationen und Debatten, ob Facebook durch Libra zu einer Art »Staat im Internet« werde, zu viel Macht gewinne und neben allen möglichen anderen Daten künftig auch noch Zahlungsvorgänge überwachen könne. Und die Szene der Kryptowährungsentwickler und ­-nutzer diskutiert, ob Libra dem Bitcoin gefährlich werden oder der Blockchain endlich zur Anerkennung verhelfen könne. All diese Spekulationen ­gehen allerdings an dem vorbei, was derzeit über Libra bekannt ist.

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Security by UX-Design

Gefühlt haben wir sie alle schon 1.000 Mal gelesen: ­Artikel, in ­denen die wichtigsten Sicherheitstipps im Umgang mit ­Computern, Internet und Apps aufgelistet sind. „Benutze ­möglichst lange und komplizierte Passwörter und zwar in ­jedem Account ein anderes. Klicke nicht auf Anhänge oder Links in E-Mails, die du nicht erwartet hast, selbst wenn du den Absender kennst.“ Obwohl seit Jahren bekannt, scheinen diese Ratschläge wenig zu bewirken. Auch im Jahr 2018 waren die drei beliebtesten Passwörter ­deutscher Anwender noch immer „123456“, „12345“ und „123456789“.

Unter Entwicklern ist eine Haltung verbreitet, die den ­Nutzern die alleinige Verantwortung dafür zuschiebt: Selbst schuld, wer ein schwaches Passwort verwendet. Das Problem sitzt halt vor dem Computer. Vielleicht bloggen sie noch den nächsten gut gemeinten Text mit Sicherheitstipps, der dann wieder nur von anderen Entwicklern gelesen wird, die sich für IT-Sicherheit interessieren. An einer großen Zahl von Nutzern, die vielleicht gar keinen Computer mehr hat, sondern nur noch ein Smartphone, und die sich im Alltag mit anderen Dingen beschäftigen muss, gehen solche Tipps vollständig vorbei. Während wohl alle schon mal von ihren Eltern gesagt bekommen haben, dass sie sich warm anziehen sollen, weil es draußen kalt ist, dürfte es Seltenheitswert haben, dass die Eltern fragen, ob das Passwort auch lang genug sei.

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Google macht auf Datenschutz

Wahrscheinlich gibt es kaum einen IT-Konzern, der so viel über seine Nutzerinnen und Nutzer weiß wie Google. Die Suchmaschine liefert Daten darüber, nach welchen Begriffen die Nutzer suchen. Die mobilen Betriebssysteme Android und Android Wear sowie der Online-Kartendienst Google Maps verraten, wo sie sich aufhalten, wann sie mit wem telefonieren und welche Kontakte sie haben. Der Browser Chrome kennt, welche Websites sie besuchen, und wenn sie einen anderen Browser verwenden, liefern das auf zahllosen Websites eingebundene Trackingtool Google Analytics und die Werbeplattform Adsense ähnliche Daten. You­tube verrät Hör- und Sehgewohnheiten. Der Streaming-Dienst Play Music sowie die E-Book-Plattform Play Books sind nur deshalb weniger problematisch, weil sie keinen nennenswerten Marktanteil haben. Und das sind längst nicht alle Dienste, die Google anbietet. Für Datenschützer ist Google ein Alptraum – weniger weil der Konzern all diese Daten missbrauchen würde, sondern weil sie sich mühelos zu einem unfassenden Profil fast jedes Internetnutzers verknüpfen lassen.

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#twittersperrt

Satirische Wahlaufrufe auf Twitter kommen seit Jahren in jedem Wahlkampf vor. Sie fordern beispielsweise den politischen Gegner auf, den Wahlzettel zu unterschreiben – und damit ungültig zu wählen – oder verbreiten ein falsches Datum für den Urnengang. Ob solche witzig gemeinten Tweets nun wirklich Wahlen beeinflussen oder nicht: Seit einiger Zeit stellen sie einen Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen von Twitter dar und offenbar geht Twitter rigoros dagegen vor.

Seit Anfang Mai häufen sich die Klagen über gesperrte Accounts. Das Muster ist immer dasselbe: Jemand hat einen vermeintlich wahlbeeinflussenden Tweet bei Twitter gemeldet. Der Account wird nicht komplett gesperrt, sondern bleibt sichtbar, allerdings kann der jeweilige Nutzer keine Tweets mehr schreiben und nur noch mitlesen. Er hat die Wahl, den Tweet zu löschen und nach zwölf Stunden wieder freigeschaltet zu werden, oder Widerspruch einzulegen, dessen Bearbeitung Tage bis Wochen dauern kann.

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Sowohlalsauch

Am vergangenen Montag wurde die EU-Richtlinie zur Reform des Urheberrechts endgültig beschlossen – ausgerechnet auf einem Treffen de Agrarminister. Zwangsvergütung für kleinste Texthäppchen aus Presseerzeugnissen, höhere finanzielle Ausschüttungen an Verlage zu Lasten von Urhebern und vor allem die zunächst als Artikel 13 (in der Endfassung Artikel 17) bekannt gewordenen Upload-Filter werden damit Realität. Solche Filter sollen künftig jeglichen Upload auf Plattformen im Internet auf mögliche Urheberrechtsverstöße hin überwachen und bei Bedarf unterbinden. IT-Experten sind sich weitgehend einig, dass dies ohne eine erhebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit technisch nicht möglich sein wird.

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Frisch gefiltert

Eine trockene Angelegenheit, die allenfalls für Autoren und Verlage interessant zu sein scheint, wurde zu einer schmutzigen Lobbyschlacht, die Desinformation, Beschimpfungen, Morddrohungen und einseitige Berichterstattung mit sich brachte. Am 26. März verabschiedete das Europaparlament die umstrittene Richtlinie zur Reform des Urheberrechts. Größter Streitpunkt der Reform waren sogenannte Upload-Filter, die das Hochladen von urheberrechtlich geschützten Inhalten unterbinden sollten, sobald die EU-Mitgliedstaaten die neue Richtlinie in nationales Recht überführt haben. In über einem Dutzend europäischer Länder hatte es vor der Abstimmung Demonstrationen gegen die Reform gegeben, die größten davon mit bis zu 200 000 Menschen in Deutschland; eine Petition gegen die Reform erhielt fünf Millionen Unterschriften, was die EU nicht davon abhielt, die Reformgegner als Mob zu beschimpfen.

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Post Humains auf der Bühne

War irgendwie klar, dass seltsame Dinge erlebt, wer sich mit anderen Leuten zusammen setzt, um einen Verein wie den Cyborgs e.V. zu gründen. Ich durfte in den letzten Jahren mit Mitgliedern, Transhumanist:innen, Philosoph:innen, Wissenschaftler:innen, Menschen mit Behinderung, Künstler:innen aller Art und Hacker:innen interessante Gespräche führen, war auf etlichen Tagungen und Veranstaltungen, habe faszinierende Menschen kennengelernt, Fledermäusen gelauscht, mit Gedankenkraft „Pong“ gespielt, Google Glass ausprobiert, bin auf einer Bühne gepierced worden und wurde nach einer Veranstaltung, in der es um Lebensverlängerung ging, gefragt ob ich Feuer habe.

Das schönste Erlebnis war die Begegnung mit der frankokanadischen Regisseurin Dominique Leclerc. Irgendwann tauchte sie auf den Plug’n’Play-Meetings des Cyborgs e.V. auf, saß meist still am Rande und hörte zu, stellte gelegentlich Fragen und einmal filmte sie auch Interviews mit den Anwesenden. Sie sagte, sie arbeite an einem Theaterstück. Dann hörte ich eine Weile nichts mehr von ihr. Irgendwann erfuhr ich, dass ihr Stück nun fertig sei und in Montréal aufgeführt werde.

Auf der Suche nach einer technischen Lösung für ihren Diabetes Typ 1 setzt sie sich mit Human Enhancement auseinander, mit Posthumanismus und Transhumanismus und all das verarbeitete sie zu einem interaktiven Stück, das die Zuschauer:innen dazu bringt, sich selbst, Technik und Natur anders zu sehen und sich ethische Fragen neu zu stellen. Und ich wurde zu einer Figur in diesem Stück – auf eine Weise, mit der ich ausgesprochen zufrieden bin. Nach zahlreichen Aufführungen in Québeck kommt dieses Stück nun nach Berlin: Es wird am 9. und 10. April im Rahmen des FIND-Festivals in der Schaubühne am Lehniner Platz aufgeführt. Ich würde schrecklich gerne Werbung dafür machen, aber soweit ich weiß, ist das Festival längst ausverkauft.

Merci, Dominique!

Update: Im Rahmen eines Artikels über das FIND-Festival hat der Theaterkritiker A.J. Goldmann einen sehr freundlichen Absatz über das Stück in der New York Times geschrieben: A Mixed Bag of New Plays in Berlin