Links der Woche

  • They Wanted To Be A Better Class Of White Nationalists. They Claimed This Man As Their Father.:

    “His name is Alain de Benoist, and he has published more than 100 books
    in his nearly 60-year writing career that encompass topics from
    anthropology to paganism. As the leader of a movement begun in the 1960s
    known as the “New Right,” he won one of France’s most prestigious
    intellectual prizes, was a columnist for several of its leading
    newspapers, and helped build the canon of fascist and radical writers
    familiar to political players ranging from Richard Spencer to Steve Bannon.“

  • Unweibliche Treterei:

    “Wladimir Zwetkow wusste, dass er irgendwie Aufmerksamkeit für diese Partie erregen musste. Das erste offizielle Frauenfußballspiel der DDR sollte nicht vor leeren Rängen stattfinden. Zwetkow, ein Gaststudent aus Bulgarien, hatte mit Leuten gesprochen, die seine Idee für einen Scherz gehalten hatten. Und solchen, die fanden, die weiblichen Brüste seien beim Fußballspielen furchtbar im Weg. Er hatte mit misstrauischen SED-Parteifunktionären verhandelt und mit Karl-Eduard von Schnitzler, dem Moderator des »Schwarzen Kanals«. Im August 1969 sollte die Premiere endlich stattfinden: die BSG Empor Dresden-Mitte gegen Empor Possendorf. Aber wer würde sich das anschauen?”

  • Deutschland sorgt sich. Bekommt Fatih Akin den Oscar?:

    “Womöglich ist es für die deutsche Filmkritik einfach ein Schock, dass ein Türke (für mich ist er ein Hamburger Regisseur, aber ich stehe mit dieser Betrachtung ziemlich allein da) mit einem Film über die größte nationale Schande seit Gründung der Bundesrepublik, nämlich den NSU, einen Oscar holen könnte. Ist einfach too much.”

  • Zum Zustand der Sozialdemokratie in Deutschland:

    “Wie glaubwürdig ist eine Partei, die von personeller Erneuerung spricht, ohne sich personell zu erneuern? Wie glaubwürdig ist eine Partei, die von struktureller Erneuerung spricht, ohne sich strukturell zu erneuern? Wie glaubwürdig ist eine Partei, die nicht in der Lage ist, den Fehler der Agenda 2010 offen einzugestehen und bei den Betroffenen für die verursachten gesellschaftlichen Verwerfungen um Verzeihung zu bitten? Was soll die SPD in den nächsten 10 Jahren anders machen, was sie die letzten 10 Jahre nicht schon hätte anders machen können?”

Links der Woche

  • 55 Ways Donald Trump Structurally Changed America in 2017:

    “The GOP tax bill will mark the Trump administration’s first major legislative achievement. (…) However, given that the congressional year has otherwise been marked by turmoil and inaction, and given the high staff turnover and the parade of scandals at the White House, it’s been easy to miss what this administration has already done. In the background, Donald Trump’s Cabinet members and their collaborators have been working hard to deliver on Steve Bannon’s vision of dismantling the “regulatory state.” With Trump’s blessing, they have made drastic, structural changes on education, immigration, environmental protections, broadcasting and internet laws, and rules of military engagement, among other issues. Most often the changes have taken direct aim at Obama’s legacy, but some apply to regulations and programs that date back decades.”

  • The terrible price of austerity:

    “The Nazis were a party of the middle and upper classes. This was a surprise to me. I thought that unemployment was the principal reason why people turned to the Nazis. But the researchers found that unemployment growth was negatively correlated with support for the Nazis. In other words, Nazi support grew when unemployment was falling”

  • Don’t Be Evil:

    “When you take away bureaucracy and hierarchy and politics, you take away the ability to negotiate the distribution of resources on explicit terms. And you replace it with charisma, with cool, with shared but unspoken perceptions of power. You replace it with the cultural forces that guide our behavior in the absence of rules.”

  • Von „Cyborg Manifest“ bis „Blade Runner“: Unbehagen über unser Verhältnis zu Maschinen:

    “Die Grenze zwischen Natur und Technik ist schon vor Millionen Jahren
    gefallen, als man begann, mit einem Stein die gebrechliche Hand zu
    unterstützen“

  • It’s not your phone, it’s you:

    “The average user checks their smartphone 88 times per day. So what’s all this constant connection doing to our heads? Berlin’s foremost expert on smartphone use and mental health, Charité’s Dr. Jan Kalbitzer, gives us his surprising answer: Not much!”

  • Mathwashing – Algorithmenethik:

    “Viele Menschen glauben, Algorithmen seien allein wegen ihrer
    mathematischen Grundlagen neutral. Dieser verbreitete Irrglaube macht es
    möglich, dass Vorurteile ungeprüft kursieren und Unternehmen und
    Organisationen sich ihrer Verantwortung entziehen, indem sie Algorithmen
    als Alibi nutzen.”  

  • 26,000 blockchain projects launched in 2016, 92 percent are now dead:

    “Meanwhile, in the first half of 2017, there were almost 25,000 projects
    that were logged on the platform. According to Deloitte, the majority
    of the projects, however, have become inactive in the long run and only
    eight percent are active so far.” 

„Haven“ verwandelt Android-Smartphones in Abhörwanzen

Wer ganz sicher gehen möchte, dass niemand in Abwesenheit seinen Laptop anrührt, legt ein altes Android-Smartphone drauf, auf dem „Haven“ installiert ist. Sobald jemand das Telefon anhebt, um den Laptop aufzuklappen, registriert dies der Bewegungssensor des Smartphones und die App macht ein Foto mit der Frontkamera, ohne dass ein potenzieller Angreifer etwas davon mitbekommt. Das ist nur einer von vielen denkbaren Einsatzzwecken: „Haven“ registriert auch, wenn das Licht eingeschaltet wird und überwacht Räume auf Geräusche und Gespräche.

Weiterlesen bei T-Online.de

50 Jahre 68er: Wie die Blumenkinder Computer, Internet, Freiheit und Überwachung brachten.

Wie so oft sind es ikonische Bilder, die für ihre Zeit stehen. Für die sogenannten Achtundsechziger waren es die ersten Fotos von der Erde, die die Nasa aus dem Weltraum aufgenommen hatte. Sie verkörpern die ökologische Zerbrechlichkeit des Planeten, die Erkenntnis, dass sich alle Menschen diesen einen Planeten teilen. Das gilt auch für die Technologie, die diese Fotos überhaupt erst möglich gemacht hatte. Dass Hippies und Hacker zwei Seiten desselben kulturellen Phänomens sind, ließen diese Fotos von Anfang erahnen.

Das mag einige überraschen, werden doch mit Achtundsechzigern und Hippies vor allem Drogen, psychedelische Musik und ein starker Hang zur Natürlichkeit verbunden. Das Klischee vom Hacker als verkopftem und technikaffinem Nerd will dazu nicht passen. Während die politisch engagierten Achtundsechziger in den USA dazu tendierten, die Revolution zu planen, um eine neue Gesellschaft zu errichten, hatten die eher kulturell orientierten Blumenkinder andere Dinge im Sinn. Angetrieben von bewusstseinserweiternden Erfahrungen mit Drogen wie LSD ging es ihnen vor allem um individuelle Selbstverwirklichung.

Weiterlesen in der Jungle World

 

Links der Woche

  • Eine Polemik: Wie man mit einem würfelnden Schimpansen Terroristen fängt – Algorithmenethik:

    “Ist das am Südkreuz getestete System also genauer als ein würfelnder Schimpanse? Dazu müsste man neben der Erkennungsrate auch dessen Falsch-Positiv-Rate kennen. Auf Nachfrage erhalte ich die Angabe „kleiner als ein Prozent“, aber nach einiger Verwirrung stellt sich heraus, dass diese Angabe sich gar nicht auf die Falsch-Positiv-Rate bezieht. Die wahre Falsch-Positiv-Rate kann oder will das Bundesinnenministerium nicht verraten. Das ist irritierend, weil das Zahlenpaar Erkennungsrate und Falsch-Positiv-Rate in jeder seriösen Studie zur Gesichtserkennung das Maß aller Dinge ist.”

  • #verlagegegenrechts startet Crowdfunding-Kampagne – Pressemitteilung 22.12.2017:

    “Am 22.12.17 startet die Initiative #verlagegegenrechts eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Die Initiative wird getragen von mehr als 45 Verlagen und über 100 Einzelpersonen und Institutionen aus der Buchbranche. Diese unterzeichneten in den letzten Wochen einen Aufruf gegen rechte Hetze auf der Leipziger Buchmesse 2018″

  • mein kleiner beitrag zu #metoo:

    “ich bin (wie die meisten meiner weiblichen bekannten) mein ganzes leben immer und überall mit pimmel-hinhaltern konfrontiert gewesen und es macht mich fassungslos, dass garnicht wenige leute aus meinem persönlichen bekanntenkreis sich lieber über „hysterischen“ metoo-frauen aufregen als über ihre pimmelschwenkenden geschlechtsgenossen.”

  • What do face transplants say about identity and wellbeing? – Sharrona Pearl | Aeon Essays:

    “The delay was caused not by medical or technical challenges, but by
    bioethical and perceptual ones: bioethicists were concerned that the
    risks of the surgery and the dangers posed by the immunosuppressant
    medication needed to prevent rejection of the transplanted face would
    outweigh the benefits. Doctors were concerned about the public reaction
    to the manipulation of something held to be fundamental to individual
    identity.” 

  • CDC gets list of forbidden words: Fetus, transgender, diversity:

    “The Trump administration is prohibiting officials at the nation’s top
    public health agency from using a list of seven words or phrases —
    including “fetus” and “transgender” — in official documents being
    prepared for next year’s budget.” 

Mut zum Trash – ein Review zu Star Wars Episode 8: The Last Jedi

tl;dr: Spoilers ahead! Wer ein weitgehend spoilerfreies und meiner Meinung nach ziemlich stimmiges Review lesen möchte, schaut bitte mal drüben bei René.

Abb: Auf Hoth zurückgelassener Druide beim geduldigen Warten auf eine WLAN-Verbindung.
Abb: Auf Hoth zurückgelassener imperialer Droide beim geduldigen Warten auf eine WLAN-Verbindung.

 

Was für ein Trash. Der neueste Star-Wars-Film ist auf mehren Ebenen richtig schlecht. Und auf anderen Ebenen dann wieder richtig großartig. Und die Gefühle, ob man das, was man da sieht, gerade richtig richtig großartig oder richtig richtig bescheuert finden soll, wechseln während des Zuschauens etwa alle fünf bis zehn Minuten. Das ist auch der Grund, warum ich drüber blogge. Ausgerechnet so etwas egales wie ein Star-Wars-Film, den ich zunächst gar nicht sehen wollte, schafft es, dass ich Stunden nach dem Kinogang immer noch darüber nachdenke, was ich eigentlich davon halten soll und wie ich allerlei Aspekte finde. Denn trotz der vielen wirklich schlechten Stellen habe ich mich sehr gut unterhalten und angeregt gefühlt. Ich versuche mal zu sortieren. Wer den Film noch nicht gesehen hat und das bald tun will, sollte hier aufhören zu lesen.

Erstmal das Negative: „Last Jedi“ ist schlecht. Er versagt ausgerechnet in den Punkten, die ich Filmen normalerweise unversöhnlich ankreide. Er hat riesige Plotholes und Logikfehler. Fast die ganze Handlung des Filmes besteht darin, dass eine gewaltige, bis an die Zähne bewaffnete Flotte der First Order es nicht schafft, den verbliebenen Haufen Rebellenschiffe zu vernichten. Prinzessin Leia wird bei einem Angriff auf ihre Kommandobrücke in den Weltraum geschleudert, dort ohne Raumanzug schockgefrostet – und überlebt nicht nur sondern schwebt durch den Weltraum wie eine Heilige, eine Engelsstatue. Die Rebellen staunen, dass die First Order jetzt auch im Hyperraum/bei Überlichtgeschwindigkeit in der Lage ist, ihre Schiffe zu tracken, nur um sich wenig später im Hyperraum/bei Überlichtgeschwindigkeit per Funk darüber zu unterhalten, dass sie gerade unterwegs sind und gleich wieder da seien. Die Force ist nicht mehr nur noch ein energetisches Medium, mit dem sich Jedi unter anderem gegenseitig irgendwie fühlen können („ich spüre eine Präsenz/eine starke Erschütterung der Macht“), sondern wird von Kylo und Rey als eine Art Walkie-Talkie benutzt, um sich ständig konkret dialogisch zu unterhalten. Um auf einem Kreuzer der First Order einzubrechen, brauchen sie einen Spezialisten und fliegen dafür mal eben schnell auf einen anderen Planeten, um den zu holen, obwohl ihnen gerade eine riesige Kriegsflotte unmittelbar auf den Fersen ist. Als die Rebellen denken, dass sie keinen Ausweg mehr haben, taucht plötzlich im Fenster ein kleiner Planet, auf dem sich sogar eine alte, verlassene Rebellenbasis findet. Die Höhle, von der wortreich erklärt wird, dass sie keinen Hinterausgang habe, hat dann doch einen Hinterausgang, als dringend einer benötigt wird. Auf Canto Bight wird dem bisher gejochten pferdeähnlichen Wesen in einer unglaublich kitschigen Szene liebevoll noch der Sattel abgenommen, bevor ihm die Freiheit geschenkt wird. Einerseits wirkt der Film ein wenig zu lang, andererseits galoppiert er phasenweise zu schnell durch die Handlung erinnert damit (negativ) an „Lord of the Rings: The two Towers“. Wahrscheinlich habe ich noch ein paar Punkte vergessen. Ach ja: Mark Hamill spiel Luke Skywalker.

Okay, hier könnte die Kritik zu Ende sein. Scheiß Film, muss man nicht gucken, tschüß. Das Problem ist, dass „Last Jedi“ soviel Ambivalenz hinterlässt, trotzdem in vielen Details so viel Spaß macht. Vielleicht gerade weil es Trash ist. Weil die Autoren sich gar nicht die Mühe machen, sich um die oben genannten Logiklöcher zu scheren. Das wird an einigen Stellen auch in vielen Bildwitzen überdeutlich, als ein bedrohlich landendes Raumschiff sich als Dampfbügeleisen entpuppt, mit dem ein Roboter gerade einen Anzug bügelt. Oder als Chewbacca mit großen, traurigen entsetzten Augen von einem Porg angesehen wird und es nicht übers Herz bringt, einen anderen Porg zu essen, den er sich gerade gebraten hat. Überhaupt enthält der Film ziemlich viele Gags und nicht alle sind wirklich lustig. „Last Jedi“ ist wie ein Comic. Oder ein alter Flash Gorden-Film. Ein Film der aus Trash und Klischees schon wieder Kunst macht. Ich traue mich kaum, das zu schreiben, aber ich fühle mich unter anderem an Pulp Fiction erinnert. Last Jedi ist der erste postmoderne Star-Wars-Film.

Und er passt unglaublich gut zu Zeit und Zeitgeist: Der erste Satz in der Textrolle zu Beginn lautet „The First Order reigns“. Das ist ein Satz wie „Donald Trump hat die Wahl gewonnen.“ Tatsächlich sind die Rebellen die ganze Zeit nur ziellos und verwirrt. Sie haben doch alles richtig gemacht? Hatten doch das Imperium besiegt und eigentlich schon gewonnen? Gerade erst die Star Killer Base vernichtet? Und nun das? „Last Jedi“ ist ein einziges großes „Ich dachte, wir wären weiter?“. Den Rebellen geht es wie uns, die wir nicht so recht glauben können, dass Hillary Clinton nicht gewählt wurde oder die Briten für den Brexit gestimmt haben und wir nun auch nicht wissen, wie weiter. Dieses Feeling zieht sich durch den ganzen Film, kommt aber besonders stark in einer der großartigsten (und in Kritiken viel gehassten) Passagen auf dem Planeten „Canto Bight“. Dort besuchen Rose, Finn und BB-8  ein hochelegantes 30er-Jahre-Artdeco-Paradies für Superreiche mit Spielkasino und einer Art Pferderennen. Monokeltragende Aliens in Abendkleidern und Smoking, und in den unteren Etagen Stallburschen mit Ballonmützen, die in der Schlussszene in Armut und Unterdrückung lebend mit selbstgebastelten Star-Wars-Action-Figuren spielen und davon träumen, sich der Rebellion anzuschließen, wenn sie mal groß sind. Das ist nicht nur wegen seiner 30er-Jahre-Faschismus-Referenz auf mehreren Ebenen selbstreferenziell, mutig und schlichtweg genial.

Das beherreschende Thema der Ausweglosigkeit für alle, die noch Ideale haben, und des „Ich weiß doch auch nicht wohin und was nun“ begleitet den kompletten Film, wenn als Grundsetting die riesige Flotte der First Order den letzten verkrümelten Rebellenschiffen, die kaum noch Treibstoff haben, permanent auf den Fersen sind. Dieses Grundsetting macht den Film stark, erinnert an die besseren Passagen aus „Battlestar Galactica“, das ja ursprünglich eine TV-Serie war. Stichwort Serie: Viele negative Kritiken klingen, als habe man jemandem, der die letzten 10 Jahre unter einem Stein gelebt, einen Netflix-Account gegeben und der guckt jetzt „Game of Thrones“, „Homeland“ oder „Breaking Bad“ und ist völlig überfordert, was da passiert und jammert, dass das ja gar kein „Star Trek: Next generation“, „Gray’s Anatomy“ oder „Akte X“ mehr sei. „Last Jedi“ wirkt wie eine aktuelle Serienstaffel, die fast schon brutal von 6 auf 2,5 Stunden heruntergeschnitten wurde, um ins Kino zu passen, und hätte sich ruhig mehr Zeit lassen können für seine Figuren und Schauplätze.

Denn die Figuren und Schauplätze haben es in sich. Besonders fällt auf, wie divers „Last Jedi“ besetzt ist. Auf Rebellenseite ist der Cast voller PoC und Frauen und man fragt sich: Warum erst jetzt? (Genaugenommen: Warum erst seit Episode 7?) Während die „First Order“ bis auf wenige Ausnahmen (eine wohl namenlose uniformtragende Brückenoffizierin und Captain Phasma, die äußerlich nicht als Frau erkennbar ist) ein kaukasischer Penisträgerclub ist und sich auch so benimmt, besteht die Führungsriege bei den zunehmend dezimierten Rebellen immer mehr aus Frauen, die Dinge völlig anders angehen. Besonders stimmig: Laura Dern in der Rolle der zeitweisen Leia-Stellvertreterin, deren Kommando einen Strategiekonflikt auslöst, weil Rebellen-Männer ihre Autorität in Frage stellen. Neben einem wirklich großartigen Benicio del Toro in einer Nebenrolle brilliert Adam Driver schauspielerisch als Darth-Vader-Nachfolger Kylo Ren, der ab einem bestimmten Zeitpunkt aufhört, Darth Vader nachahmen zu wollen und seine im Grunde alberne Maske ablegt. Ja und dann ist da noch Mark Hamill. Mark Hamill war schauspielerisch von Anfang an eine der größten Fehlbesetzung aller Zeiten. Dem trägt „Last Jedi“ auf geniale Weise Rechnung indem sie aus Luke Skywalker eine ebenso große Fehlbesetzung als Über-Jedi und letzter Jedi macht. Schauspieler und verkörperte Figur sind in ihrer Rolle überfordert und ungeeignet. Richtig deutlich wird das nochmal in einer letzten Begegnung zwischen Luke und Yoda. Der Film tut das einzig richtige: Er beutet das schamlos aus und macht nebenbei einfach mal Princess Leia nachträglich zur Hauptfigur (von Rey und Kylo abgesehen). Kein Wunder, dass es Zusammenschnitte auf Youtube gibt, die zeigen, wie sehr Mark Hamill seine Rolle in „Last Jedi“ hasst.

Dann Bilder: Natürlich gibt es in „Last Jedi“ die üblichen Raumgefechte und exotischen Planeten. Da bedient der Film nicht nur bisherige Standards, was Star Wars betrifft, sondern geht meiner Meinung nach ästhetisch weit darüber hinaus. Zum einen nimmt der Film das Wort „Krieg“ in „Star Wars“ ernst und inszeniert ähnlich wie in „Rogue One“ Schlachten und Gefechte mit angemessener Härte. Es gibt zwar kein Gemetzel à la „Saving Private Ryan“ aber trotzdem werden Kriegsszenen mit einen solchen Wucht inszeniert, dass ganz klar ist, dass es hier nicht um Ringelpietz geht – und dass Krieg scheiße ist. In der zweiten Hälfte steigert „Last Jedi“ jedoch seine Ästhetik und erinnert immer mehr an Mangas und Animes. Vor allem in der brillanten Szene, in der Laura Dern einen Kamikazeflug bei Überlichtgeschwindigkeit fliegt. Oder als die Bomberstaffel gegen Anfang versucht, das Mutterschiff anzugreifen. Oder Rey in einer Art Spiegel eine Begegnung mit der dunklen Seite der Macht hat. Oder auf der Rebellenbasis sich der Boden bei Berührung blutrot färbt und ein bizarres, überästhetisiertes Schlachtengemälde in die Landschaft zeichnet. Überhaupt ist rot die bestimmende Farbe des Films, nicht zuletzt in Snokes „Thronsaal“. Die Szenen die darin spielen erinnern fast schon ein wenig an die blauen Kampfszenen in „Kill Bill“. Jedenfalls: Bilder, die haften bleiben und große Chancen haben, zukünftig als ikonisch angesehen zu werden.

Wenn Trash oder Pulp mit Selbstdekonstruktion und Zeitgeistigkeit zusammen kommen, dann knistert etwas. Dann könnte „Kult“ entstehen. Ich bin mir nicht sicher, aber habe so ein Gefühl, als das gerade mit „Last Jedi“ passiert und er retrospektiv als Kultfilm und ganz großer Star-Wars-Film bezeichnet werden wird. Weil er alles bisherige über den Haufen wirft, ganz ähnlich wie in unserer Zeit vieles sicher geglaubte über den Haufen geworfen wird. Und zwar ohne in Fatalismus oder Nihilismus zu verfallen. Die Zeit der Jedi ist zu Ende. Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr. Zeit für was neues. Nun hängt die Messlatte für dieses „neue“ in Episode 9 unheimlich hoch. Ich weiß noch nicht, wie die Autoren das ein- und auflösen wollen. Ich befürchte für den nächsten Star Wars eine programmierte Enttäuschung und es kann sein, dass „Last Jedi“ später eher für sich steht und nicht in die Reihe passt. Aber gerade das könnte ihn zum Kultfilm machen.

Ich vermute, dass „Last Jedi“ alle alten Fans, die den Fan-Service von Episode 7 vor zwei Jahren abgefeiert haben und auch sonst das Franchise etwas zu ernst nehmen, schwer irritieren dürfte, während diejenigen, die wie ich von Episode 7 eher enttäuscht waren, sich über was Neues freuen. Wie gesagt, ich bin mir selbst nicht sicher und werde ihn mir wohl noch einmal ansehen. Vielleicht bleibt am Ende nur übrig, dass das doch alles Trash ist. Aber es ist schon merkwürdig, dass mich ausgerechnet dieser Film bei mir so viel Verdauungsbedürfnis auslöst und mich dazu bringt, einen solch langen Blogpost über ihn zu schreiben.  Wie denkt ihr darüber?

 

 

 

Links der Woche

Links der Woche

  • Die sprachliche Deprivation gehörloser Kinder – Taubenschlag:

    “Bei diesen Fällen spricht man von sprachlicher Deprivation. Das Wort Deprivation leitet sich vom lateinischen Verb deprivare („berauben“) ab, also spricht man hier vom Raub einer Sprache. Sprachwissenschaftler behaupten, wenn ein Kind bis ungefähr zum fünften Lebensjahr — dem ungefähren Ende der „Kritischen Periode“ — keine Sprache erlernt hat, werde es nie irgendeiner Sprache völlig mächtig sein.”

  • Missverständnisse zu Bitcoins und Geld | Notizblog:

    “Grade ist der Hype um die „Cryptowährung“ Bitcoin besonders hoch. Was mir auffällt: Selbst die größten Fans haben einige sehr vage Vorstellungen, was Bitcoin überhaupt ist. Oder was Geld ist. Damit unterscheiden sie sich freilich nicht von den meisten anderen Leuten. Gerade das Durchbrechen der 10000-Dollar-Marke wird von vielen als unumstößlicher Erfolg der Währung gesehen. Doch eigentlich ist es das nicht — im Gegenteil. Denn Geld ist nicht aus einem Selbstzweck da. Es dient dazu, dass man handeln kann.”

  • Netzpolitik: Der Nazifrosch macht «Reeeeeee!»:

    “Als ich mit besagter Klasse eine Rede von Joseph Goebbels besprach und sie fragte, ob ihnen aktuelle Beispiele solcher Formen hasserfüllter Rhetorik einfielen, kam die ernst gemeinte Antwort: «Feminazis».”

  • Vier Jahre nach Snowden – Wird die EU-Datenschutzgrundverordnung uns vor der Überwachung retten? | ctrl+verlust:

    “Nichts, was in der Grundverordnung steht, schränkt irgendeinen Geheimdienst in seinen Befugnissen und Möglichkeiten auch nur einen Deut weit ein. Keine einzige geheimdienstliche Datensammlung wird verunmöglicht oder auch nur ein EU-Bürger besser vor Massenüberwachung geschützt. Das liegt an dem schlichten Umstand, dass die Verordnung nur private Akteure wie Unternehmen und öffentliche Stellen innerhalb der EU reguliert. Die NSA ist davon genauso wenig betroffen, wie der BND oder der britische GCHQ.”

Ein paar lose Gedanken zu Bitcoin

Ein schriftliches Nachdenken ohne Anspruch auf Richtigkeit/Vollständigkeit

Vorteile von Bitcoin:

  • Es ist ein libertäres Geld ohne Zentralbank, das rein Angebot und Nachfrage unterliegt. Das ist ein Vorteil, wenn man libertäres Geld, das ausschließlich Angebot und Nachfrage unterliegt, gut findet.
  • Ich kann jederzeit über meine Wallet Transaktionen tätigen und benötige dazu nur Internet.
  • Habe ich noch was übersehen?

Nachteile:

  • Es taugt wegen der geringen Akzeptanz weiterhin nicht als Bargeldersatz.
  • Es taugt wegen der Kursschwankungen nicht als Währung sondern nur als Spekulationsobjekt, vergleiche Gold.
  • Es taugt nicht als Internet-Geld. Die Transaktionsgebühren übersteigen die Gebühren vieler anderer Zahlungsdienstleister. Außerdem sind Transaktionen sehr langsam.
  • Vermutung: Miner leben heute schon kaum noch davon, dass neue Bitcoin generiert werden, sondern von den Transaktionsgebühren. Da es immer schwieriger wird, neue Bitcoins zu generieren, werden diese Gebühren eher noch steigen, besonders solange die Kurse hoch bleiben und steigen.
  • Wenn ich meine Wallet schrotte/meinen Key verbasele, ist das Geld futsch. Ich kann zu keiner Stelle mit einem Ausweis gehen. Das ist zum Beispiel ein Problem für Erben.
  • Bitcoin kennt keine Zentralbank, dafür aber einige Groß-Miner, die einen großen Teil der Währung kontrollieren.
  • Angeblich werden derzeit 80-90% der Bitcoin gehortet. Horten tun Leute nur, solange sie sich Wertsteigerung versprechen. Bleibt sie aus oder droht Wertverlust, werden diese Leute ihre Bitcoins schnell verkaufen und einen Crash noch anheizen.
  • …außer denen, die aus ideologischen Gründen Bitcoin halten. Vermutung: Spätestens seit der Kursrallye von 2017 ist das nur eine Kleine Minderheit bzw. der Kurs wird eh nur von denen bestimmt, die ihre Bitcoin am Markt handeln.
  • Bitcoin „arbeitet“ nicht. Es handelt sich nicht um Anlagen wie Unternehmensbeteiligungen oder Aktien, an deren vermuteten zukünftigen Gewinn aus Arbeitsleistung ich durch meine Investition teilhaben kann.
  • Vermutung: Es finden kaum „reelle“ Transaktionen statt. Kaum jemand kauft Computer oder Burger gegen Bitcoin. Die meisten Transaktionen dienen dem Handel mit Bitcoin selbst. Das „Bitcoin-Ökosystem“ dient vor allem dem Zweck der Spekulation, auch wenn einige Idealisten etwas anderes in Bitcoin sehen.
  • Die Kursrallye von 2017 ist ein Lehrbuchbeispiel für eine Spekulationsblase, vgl niederländische Tulpenzwiebelmanie, Dotcom-Blase oder amerikanische Immobilienblase.
  • Derzeit werden bei einem Platzen der Blase nur diejenigen geschädigt, die aus idealistischen Gründen Bitcoin halten oder ansonsten ungenutztes Geld zum Spekulieren herumliegen hatten.
  • Der Derivate-Handel hat bereits eingesetzt. Erste Futures auf Kursentwicklungen werden angeboten. Erste „Finanzprodukte“ soll es institutionellen Anlegern erlauben, Geld in Bitcoin anzulegen. Nimmt diese Art der Anlage in Bitcoin Fahrt auf, wird die Entwicklung den Bitcoin-Kurs die nächsten Monate und Jahre nochmal weiter nach oben treiben.
  • Evtl heizt die eine oder andere Finanzkrise den Bitcoin ebenfalls weiter an, da die Betroffenen sich in die unregulierte Währung flüchten können.
  • Platzt die Blase dann erst, entstehen Schieflagen in den beteiligten Finanzhäusern, die Kettenreaktionen auslösen können. Dann ist nicht nur eine Bitcoin-Anlage toxisch, sondern auch Anteile z.B. einer Bank, die verbrannte Bitcoin-Derivate gehalten hat. Die Hebeleffekte sind aus der Finanzkrise des letzten Jahrzehnts bekannt. Erreicht Bitcoin weltweit das Volumen eines kleinen Staates oder des Immobilienmarktes einer mittelgroßen Volkswirtschaft, wäre die kritische Masse wohl erreicht, um im Falle eines Crashs erheblichen Schaden für die Weltwirtschaft anzurichten.
  • Bitcoin-Transaktionen sind derzeit eine Katasrtophe, wenn es um Energieverbrauch/CO2-Ausstoß geht. Mit Bitcoin handeln ist das SUV-Fahren der Finanzwelt.
  • Update: Potenzielle Programmierfehler und/oder mathematische Schwächen in der eingesetzten Verschlüsselung gefährden das gesamte System.
  • Update: Quantencomputer könnten die Krypto obsolet machen.
  • Update: Ein Crash könnte dem Ruf des Blockchain-Prinzips und der Idee des „distributed trust“ schaden.
  • Habe ich irgend etwas übersehen?

Ärgenzungen, Fakten wo ich nur vermute und weitere Argumente in den Kommentaren würden mich sehr freuen.

Warum eine Kirche zur Anbetung künstlicher Intelligenz eine super Idee ist

Am Ende erwacht das ganze Universum zu einem erleuchteten Wesen, durchdrungen von Intelligenz. So steht es in Ray Kurzweils Buch „Menscheit 2.0“ von 2005 (Untertitel „Die Singularität ist nah“). Was Kurzweil, Chefentwickler bei Google, als das unausweichliche Schicksal des Universums sieht, ist der Endpunkt einer explosionsartigen Entwicklung, die wir gerade mit unseren Computern und der Entwicklung künstlicher Intelligenz in Gang setzen.

Anbeten lässt sich diese neue Gottheit schon heute. Dafür hat Anthony Levandowski eine neue Kirche gegründet. Levandowski ist kein Unbekannter: Unter anderem leitete er bei der Google-Tochter Waymo die Entwicklung autonomer Fahrzeuge. Wahrscheinlich denkt er schon lange darüber nach, wohin sich künstliche Intelligenz wohl entwickeln mag. Jedenfalls meldete er bereits vor mehr als zwei Jahren „Way of the Future“ als Non-Profit-Unternehmen zum Aufbau von Religionsgemeinschaft in Kalifornien an. Das Ziel: Eine künstliche Intelligenz erschaffen, diese dann als Gottheit anbeten und für Akzeptanz werben.

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